Brayn (14) schnuppert ein letztes Mal Seeluft

Noch einmal die Möwen kreischen hören, noch einmal die raue Seeluft im Gesicht spüren, ein letztes Mal von der Sonne an der Nase gekitzelt werden… Brayn (14) hat einen Sehnsuchtsort: den Hamburger Hafen. Ein Kurztrip in den hohen Norden – für gleichaltrige Jungs ist das kein Problem. Für Brayn schon. Vor drei Jahren ist der Teenager beim Spielen im Sand verschüttet worden, musste reanimiert werden. Seit dem Unglück ist er ans Pflegebett gefesselt.

Brayn im Hamburger Hafen. An seiner Seite: Bezugspflegerin Isabell Engelke und der ehrenamtliche ASB-Wunscherfüller Marc-Oliver Berndt.
Foto: ASB/J. Meisenburg

Er kann sich nicht mehr alleine bewegen, nicht sprechen, ist auf Sauerstoff angewiesen, leidet unter heftigen epileptischen Anfällen und braucht rund um die Uhr intensive medizinische Betreuung. Doch auch wenn es keine Hoffnung mehr für den einst so lebhaften Jungen gibt und nur noch der Tod als Erlösung bevorsteht – Hamburger Hafenluft hat der 14-Jährige jetzt trotzdem noch einmal schnuppern können: Der Wünschewagen vom Landesverband Niedersachsen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) hat den Sterbenskranken in die Hansestadt gefahren. Brayns "Reise" an die Elbe – für das ASB-Team ein kleines Jubiläum: Denn die Wunschfahrt des Teenagers ist bereits die 50. Fahrt des niedersächsischen ASB-Teams. 50 Mal haben die "Wunscherfüller" Sterbenden seit November 2017 dabei geholfen, ein letztes Mal berührende Momente zu erleben, glücklich zu sein, sich geborgen zu fühlen und für einige Stunden ihr schweres Schicksal zu vergessen. Wunsch-Wege führten unter anderem nach Rügen, zur Hochzeit der Enkelin, ins König-der-Löwen-Musical, nach Marburg oder zu einem Spiel von Werder Bremen.

Ohne den Wünschewagen, einen speziell auf die Bedürfnisse schwerstkranker Fahrgäste ausgestatten Mercedes Sprinter, wären all diese Reisen nicht möglich gewesen. Das Fahrzeug nämlich besitzt eine notfallmedizinische Ausrüstung, extra Stoßdämpfer, eine Musikanlage und ein harmonisches Arrangement aus Farben und Licht, das die Reise zu einem Wohlfühl-Erlebnis macht. Eine verspiegelte Rundum-Verglasung erlaubt einen Panoramablick nach draußen, während neugierige Blicke ins Innere des Wagens ausgeschlossen sind.

Im ASB-Wünschewagen wird der Fahrgast nicht transportiert. Hier ist er ein Reisender, der von ehrenamtlichen Helfern – ausschließlich qualifizierte Fachkräfte wie Krankenpfleger, Ärzte, Rettungssanitäter oder Feuerwehrleute – begleitet wird. Das Team wechselt, mindestens zwei „Wunscherfüller" sind stets an Bord, kümmern sich während der Fahrt um die pflegerische und mitunter intensive medizinische Versorgung. 30 Engagierte, im Alter von 18 bis 60 Jahren, stehen in Niedersachsen bereit. Ministerpräsident Stephan Weil hat die Schirmherrschaft für den niedersächsischen Wünschewagen übernommen. Stationiert ist der Sprinter beim ASB-Ortsverband Hannover.

Willkommen an Bord des Wünschewagens ist neben dem "Reisenden" auch stets eine ihm vertraute Begleitperson. Und was ganz wichtig ist: Kosten entstehen dem Gast und seiner Begleitung nicht – weder für die Fahrt noch vor Ort! Das Ehrenamtsprojekt der Samariter finanziert sich ausschließlich aus privaten Spenden und Fördermitteln.

Brayn hat seine Fahrt an die Elbe übrigens gut gefallen, weiß seine Bezugspflegerin Isabell Engelke, die die Anfrage für die Wunschfahrt beim ASB gestellt hat: "Er war völlig entspannt, hat angesichts der Schiffe große Augen gemacht und gelächelt. Und für die letzte halbe Stunde am Hafen war er nicht einmal auf Sauerstoff angewiesen. Ich bin sehr froh, dass er diese Reise noch machen konnte."