Interview mit einem Wunscherfüller

Christian Schneider bringt Sterbende an ihre Sehnsuchtsorte

Neuharlingersiel, Eschede, Langeoog, Norderney, Heiligenstedt – das waren nur einige Sehnsuchtsorte, an die Christian Schneider Fahrgäste des niedersächsischen „Der Wünschewagens“ in den letzten Monaten begleitet hat. Seit Juli 2019 ist der 46-jährige Rettungssanitäter vom ASB Kreisverband Göttingen-Land ehrenamtlich als Wunscherfüller unterwegs. Zehn besondere „Reisen“ hat er seitdem möglich gemacht. Im Interview stellen wir ihn einmal vor.

Wie sind Sie zum Wünschewagen Niedersachsen gekommen?

2017 habe ich im Fernsehen eine Reportage über den hessischen Wünschewagen gesehen, die mich sehr berührt hat. Weil ich in Göttingen wohne, habe ich zunächst beim hessischen Team nachgefragt, ob ich dort als Wunscherfüller tätig werden kann. Und bei der Gelegenheit erfahren, dass es damals ganz frisch einen Wünschewagen in Niedersachsen gibt. Mein Chef vom ASB in Hann. Münden hat dann den ersten Kontakt zum Wünschewagen-Team Niedersachsen hergestellt. Nach der Wunscherfüller-Schulung in Hannover habe ich im letzten Sommer mit meiner ehrenamtlichen Tätigkeit begonnen.

 

Zehn Mal waren Sie schon als Wunscherfüller im Einsatz – gab es für Sie seitdem einen besonders schönen, in Erinnerung bleibenden Wunschfahrtmoment?

Da muss ich gar nicht lange nachdenken! Den durfte ich nämlich gleich auf meiner ersten Fahrt im Juli erleben. Unser Fahrgast Herr Homann wollte bei der Trauung seiner Tochter dabei sein. Nach dem Standesamt hat die Hochzeitsgesellschaft im Garten gefeiert und wir haben ihn unter alten Apfelbäumen gemütlich gebettet. Dann kamen seine vier Töchter und seine Frau dazu und er hat seine Arme weit ausgebreitet – ganz so, als wolle er sie alle an und in sein Herz schließen. Dabei ist ein wunderschönes Foto eines wirklich sehr innigen, emotionalen Momentes entstanden, in dem nicht nur bei den Schwiegersöhnen die Tränen liefen…

 

Was mögen Sie am meisten an Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit?

Glücklich macht mich dabei ganz klar die tiefe Freude bei den Fahrgästen und die Dankbarkeit bei den Angehörigen. Diese Emotionen sind nie gespielt, einfach sehr schön zu erleben. Darüber hinaus geben die Fahrten auch mir ganz viel zurück. Seit Januar 1998 bin ich hauptberuflich beim ASB im Rettungsdienst tätig. Dort vermisse ich allerdings zunehmend, dass wir für unsere Arbeit häufig weder von Patienten, noch von deren Angehörigen mal ein Dankeschön oder etwa nur ein Lächeln bekommen. Das ist halt beim Wünschewagen ganz anders – da erfährt man jede Menge Wertschätzung von allen Beteiligten.

Besonders berührend finde ich aber auch immer wieder Situationen, bei denen wir während einer Wunschfahrt von Außenstehenden angesprochen werden. Bei einer Wunschfahrt nach Neuharlingersiel beispielsweise, habe wir gemeinsam mit unserem Fahrgast auf der Hafenpromenade ein Fischbrötchen gegessen. Da kam ein älterer Herr vorbei, hat sich vor der ganzen Gruppe verneigt, seinen Hut gezogen und uns allen so seinen Respekt gezollt.

 

Wenn nun Jemand Wunscherfüller werden möchte – was sollte Ihr zukünftiger „Kollege“ oder Ihre „Kollegin“ mitbringen?

Vor allem die Freude an diesem besonderen Ehrenamt! Ich jedenfalls freue mich jedes Mal, bin quasi richtig aus dem Häuschen, wenn ich eine Fahrt machen darf. Verkehrt ist es vielleicht auch nicht, wenn das Umfeld des angehenden Wunscherfüllers Verständnis hat, dass man auch spontan mal zum Einsatz abdüst – das kann meine Frau, die selbst als Krankenschwester arbeitet, zum Glück alles gut nachvollziehen.

Wenn ich Bekannten von Wunschfahrten erzähle, kommen manchmal Reaktionen wie „Da läuft es mir kalt den Rücken hinunter… Ich könnte das nicht“. Ich bin froh, dass ich es kann und das ich mich auf die besonderen Situationen und auf die verschiedenen Menschen, auf deren Krankheiten und Schicksale vermag einzustellen.